Zitate, Bilder und Informationen auf Bestellung – plumpe PR oder Mehrwert?

Wie kontrovers Medienjournalisten das Thema Recherchescouts diskutieren, zeigt ein Blick in die aktuelle Berichterstattung: Im NDR-Medienmagazin „Zapp“ bezeichnete Volker Lilienthal, Journalistik-Professor an der Universität Hamburg, die Plattform im Dezember 2014 als Wundertüte.

Recherchescout nutze den Stellenabbau in Redaktionen, um PR-Inhalte zu platzieren. In der Medienwelt SR fragte der Moderator Thomas Bimesdörfer diesen Januar, ob der Recherchescout ein weiteres Mittel sei, um seriösen Journalismus kaputt zu machen oder ob die Idee dem Journalismus sogar auf die Beine helfen könne. Fakt ist: Die Plattform, die Journalisten und PR-Kommunikatoren ähnlich wie eine Partnerbörse nach dem Matching-Prinzip zusammenbringt, wächst. Anderthalb Jahre nach Gründung haben sich mehr als 1.500 Journalisten und Redakteure angemeldet.

Der Siegeszug verwundert die Macher nicht. Journalisten und Redakteure müssen in immer kürzerer Zeit immer mehr Inhalte produzieren. Verschärft wird das Problem durch schrumpfende Budgets und Personalabbau in den Medienhäusern. Recherche vor Ort? Fehlanzeige. Eine Studie der Universität der Bundeswehr München zeigt: Suchmaschinen sind mittlerweile für rund jeden dritten Journalisten das wichtigste Recherchewerkzeug. Zwei Drittel nutzen Google & Co. mittlerweile für die Erstrecherche.

Auf der anderen Seite des Schreibtisches, bei den Öffentlichkeitsarbeitern, sieht es nicht viel besser aus. Der Kampf um Aufmerksamkeit hat zugenommen. Weil immer mehr Unternehmen auf PR setzen, wird es für das einzelne Unternehmen immer schwieriger, seine Botschaften unterzubringen.

Recherchescout will beiden Seiten helfen. Die Idee: Anstatt Journalisten zu Empfängern von Pressemeldungen zu degradieren, unter deren Flut sie zunehmend leiden, dreht die Plattform das Push-Prinzip in der Information um. Journalisten können über Recherchescout Anfragen stellen. Diese werden über ein Schlagwortsystem an PR-Kommunikatoren in Unternehmen, Verbänden und Vereinen weitergeleitet. Vorteil für Journalisten: Sie erhalten nicht wie bei Pressemeldungen ungefragt Informationen zur unpassenden Zeit, sondern sie bestimmen den Kommunikationszeitpunkt selbst. Ein anderer Vorteil liegt darin, dass sie durch die Verschlagwortung auf Gesprächspartner und Aspekte stoßen können, die ihnen durch Suchmaschinen verborgen geblieben wären.

Den Vorwurf, die Plattform platziere PR-Inhalte in Redaktionsstuben durch die Hintertüre, lassen die Gründer Martin Fiedler und Kai Oppel nicht gelten. Beide haben über Jahre unter anderem für die Verlagsgruppe Handelsblatt, Bild, dpa oder die FTD gearbeitet. „Es bleibt die Aufgabe des Journalisten, Quellen zu prüfen und zu kennzeichnen. Es gibt keinen Zwang, über Recherchescout erhaltene Inhalte zu verwenden“, sagt Oppel. Vor allem aber ist es den Gründern wichtig, dass die Plattform als zusätzliches Werkzeug verstanden wird; ein weiteres Mittel zum Zweck. Denn: Vom Prinzip sei es völlig gleich, ob ein Journalist seine Informationen über Pressemeldungen, Suchmaschinen, Gespräche, Pressekonferenzen oder eben Recherchescouts erhalte. Oppel: „Bei den erhaltenen Informationen handelt es sich schließlich immer um interessensgesteuerte Kommunikation.“

2 Gedanken zu „Zitate, Bilder und Informationen auf Bestellung – plumpe PR oder Mehrwert?

  1. Frank Martini

    Sie beschreiben das Elend zutreffend: Journalistisches und publizistisches Arbeiten ist – auf beiden Seiten des Schreibtisches – zunehmend zum „Textescheißen“ verkommen.
    Um da wenigstens einen Funken Entlastung reinzubekommen, nun also Recherchescout.
    Wird aber damit dem Problem der Massenproduktion in immer weniger Zeit und allen damit einhergehenden Qualitätsdefiziten nicht eine Quasi-Absolution erteilt. Oder anders: Mit Tools wie dem Recherchescout Entlastung schaffen – setzt das nicht genau an der falschen und daher wenig qualitätsfordernden Stelle an?
    Jedenfalls bleibt die Entwicklung und deren Diskussion ziemlich spannend.

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    1. Kai Oppel

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Wir beiden Recherchescout-Gründer kommen selbst aus dem Journalismus und haben das Handwerk in Studium, Volontariaten und Alltag gelernt. Als alte Hasen schlagen wir oft genug die Hände über den Kopf zusammen. Da werden Themen gesetzt und dann dank Suchmaschinen zusammenrecherchiert, bis die Story stimmt. Tendenzjournalismus pur.

      Mit Betroffenen zu sprechen oder links und rechts zu schauen – dafür bleibt oft keine Zeit. Gleichzeitig beobachten wir jedoch auch, dass viele junge Medienmacher anders recherchieren. Facebook. Twitter. etc. Das muss nicht schlecht sein. Im Gegenteil. Die Werkzeuge ändern ja nichts an am Qualitätsverständnis einer Recherche. Sie müssen eben richtig eingesetzt und gekennzeichnet werden.

      So verstehen wir auch Recherchescout. Wir bieten ein neues, weiteres Tool an. Wir sind keine PR-Quelle, sondern ein Weg zu neuen Quellen. Journalisten müssen so viele Quellen wie möglich ansteuern, um ein umfassendes Bild zu zeichnen (Das Thema subjektive vs. „objektive“ Berichterstattung ist ein eigenes…). Dafür verschiedene Wege zu gehen, halten wir für einen guten Schritt. Es wird natürlich die Journalisten geben , die Recherchescout zur weiteren Beschleunigung nutzen. Unser Feedback zeigt uns aber auch, dass viele Kollegen Recherchescout als zusätzlichen Rechercheweg einsetzen.

      Und hier liegt ein weiterer Vorteil. Wir bringen Journalisten wieder mit Kommunikatoren in Kontakt. Per Mail. Per Telefon. Also nicht einfach Huschhusch ein Zitat aus der Pressemeldung verwurschtet, sondern wieder mit dem Kommunikator gesprochen. Schon gibt’s neue exklusive Zitate und Infos, die der Leser/Hörer/Zuschauer nicht selbst hätte im Internet finden können.

      Viele Grüße
      Kai Oppel

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