Journalistische Trefferquote zwischen Böhmermann-Beef, Nikab-Nora und explodierenden Smartphones

Wenn Journalisten gefragt werden, welche Nachrichten im Laufe des Jahres Schlagzeilen schreiben werden – dann liegen sie erstaunlich oft richtig. Das zeigt ein Rückblick auf das Media Delphi 2016, eine Befragung von mehr als 300 Medienmachern zu Beginn 2016. Ob Medienmenschen, Politiker oder Wirtschaftsbosse: Erstaunlich oft prognostizierten sie genau richtig, welche Personen im medialen Licht der Öffentlichkeit stehen werden. Das zeigt jetzt zum Jahresende ein Rückblick auf das Delphi.

Nachdem wir hier im Blog die präzise Genauigkeit der journalistischen Wahrsager bereits für die Vorhersage der US-Wahl besprochen haben, nach der sie bereits vergangenen Februar Donald Trump (Platz 3) vor Hillary Clinton (Platz 4) sahen, werfen wir nachfolgend einen Blick auf andere Kategorien unseres medialen Orakels.

Media Delphi 2016

Wenig überraschend schafft es Jan Böhmermann im Media Delphi 2016 auf Platz 1. Nachdem er sich 2015 mit dem #Varoufake in die öffentliche Wahrnehmung katapultiert hatte, steigerte er seine Bekanntheit 2016 mit dem Schmähgedicht noch einmal. Dass seine Medienberichterstattung so dicht mit der des türkischen Präsidenten Erdogan verwebt sein würde, ahnte zum Zeitpunkt der Befragung im Januar und Februar niemand. Dennoch sagten die Medienmacher auch diesem viel Presse und Schlagzeilen voraus, jedoch eher in Bezug auf seine Politik und die generelle Lage in der Türkei. Zu Ende diesen Jahres steht nun fest: Beide Prognosen haben sich bewahrheitet und dies im Ausmaß einer Staatskrise, die ihre Spiralen bis hoch ins Kanzleramt gezogen hat.

Rund um den Rechtsstreit Böhmermanns vs. Erdogan tauchte ein weiterer Name auf, der bis dahin nicht im Mittelpunkt der Berichterstattung stand. Jürgen Todenhöfer stellte sich mit einem offenen Brief auf die Seite Erdogans. Er bezeichnete Böhmermanns Schmähgedicht „als Beleidigung um der Beleidigung willen“ und unterstellte Böhmermann rassistische Ansichten. Todenhöfer hatte in der Vergangenheit bereits mit dem Rechtsstreit gegen den Spiegel für Furore gesorgt, der Ende August in einer Unterlassungserklärung seitens des Spiegels resultierte.

Ebenfalls nur wenig auf dem Radar der befragten Journalisten befanden sich Persönlichkeiten wie Anne Will, die unter anderem mit der „Nikab-Nora“ und ihrer Hochzeit für Aufsehen sorgte. Auch das Medienecho, hervorgerufen durch einige Grundsatzdiskussionen in journalistischen Kreisen, das Roland Tichy auslöste, kam überraschend. Mit „Tichys Einblicken“ vermochte er aber auf jeden Fall zu zeigen, wie sich moderner Journalismus in Deutschland auch gestalten lässt – und dass sich mit den passenden Konzepten Quote und Umsatz generieren lassen.

Samsung auch ein medialer Knaller

Die sonst so treffsicheren Prognosen der Journalisten weichen im Media Delphi bei Themen rund um die Wirtschaft in einigen Punkten ab – vor allem aufgrund überraschender Entwicklungen.

Dass Volkswagen nach dem Abgasskandal weiter Schlagzeilen machen würde, war zu erwarten. Nicht zuletzt wegen der Anklage gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch gab es eine kontinuierliche Berichterstattung. Lufthansa hingegen belegte Platz 8. Wegen der Tarifverhandlungen und der daraus resultierenden Streiks nahm die Medienpräsenz im zweiten Halbjahr 2016 jedoch deutlich zu. Samsung war in der Wahrnehmung der Journalisten bei der Befragung im Februar gar nicht vertreten. Zusammen mit dem Galaxy Note 7 explodierte jedoch die Berichterstattung über das Unternehmen, das – nebenbei gesagt – eine katastrophale Krisenkommunikation an den Tag legte. Pikachu und Co. hatten viele Menschen gedanklich schon vor langer Zeit in die 90er Jahre verfrachtet. Dieses Jahr aber hatten die Pokémon dank eines Unternehmens, das im Ranking völlig fehlt, ihr Comeback. Niantic landete mit der Augmented-Reality-App Pokémon Go einen Megahit und trieb Millionen Kinder und Erwachsene weltweit auf der Jagd nach Pokémon nach draußen ins Freie. Auch wenn der Hype schon wieder etwas nachgelassen hat, gehört Niantic zu den Überraschungs-Gewinnern des Jahres. Ein typisches Beispiel für die Unberechenbarkeit viraler Hits.

Auch die überraschenden politischen Entwicklungen haben für Ungenauigkeiten in der Einschätzung der Relevanz von Wirtschaftsthemen gesorgt. Durch Donald Trumps Wahlsieg und seiner geplanten Aufkündigung des transatlantischen Freihandelsabkommens wurde ein Land zurück in die öffentliche Wahrnehmung befördert, das im Media Delphi auf den untersten Plätzen rangierte. China rechnet in Folge der US-amerikanischen Abschottung mit einem Aufschwung der asiatischen Wirtschaftssektoren – und will das mittels eines Freihandelsabkommens besiegeln, das sich rein auf den asiatischen Raum erstreckt. Insgesamt blickt die Gesellschaft mit dem Jahresanfang halb hoffend, halb bangend, auf ein ungewisses und weiterhin turbulentes Jahr 2017.

Und 2017? Hoffen wir auf eine erneut zahlreiche Teilnahme der deutschen Journalistenlandschaft, die uns mit ihrer Voraussicht und Treffsicherheit dieses Jahr auf’s Neue begeistert hat. Die journalistische Befragung zum Media Delphi der kommenden 12 Monaten steht schon in den Startlöchern und wir freuen uns schon jetzt auf spannende Prognosen und journalistischen Weitblick.

Alle Prognosen gibt es hier zum Nachlesen: Media Delphi 2016

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