„Jeder Tech-Journalist leckt sich die Finger nach neuen iPhone-Leaks!“

Das aktuelle Media-Delphi zeigt, dass 2016 nur noch 30 Prozent der Journalisten Apple in den Schlagzeilen sehen. 2015 waren es noch 50 Prozent. Was nachlassende Innovationskraft und zunehmende Berechenbarkeit damit zu tun haben, erklärt uns Wirtschaftsjournalist und Tech-Reporter Nils Jacobsen im Interview.

12004885_777390302383305_4482503984820483657_n

Wirtschaftsjournalist und Tech-Reporter Nils Jacobsen.

Obwohl im Apfel kein Wurm drin ist, hat der Apple-Konzern an Glanz verloren. Für Journalisten steht die Berichterstattung über das Unternehmen noch weit oben – die mediale Ekstase bleibt jedoch zunehmend aus.  Kai Oppel, Inhaber und Co-Founder von Recherchescout, sprach mit dem Wirtschaftsjournalisten und Tech-Reporter Nils Jacobsen* über nachlassende Innovationskraft, zunehmende Berechenbarkeit und welchen Eindruck es macht, wenn eine Synchronisation aus 30.000 Fotos rund 120.000 Fotos macht. Der Hamburger, dessen zweites Apple-Buch „Das Apple-Imperium 2.0“ diesen April erscheint, erklärt im Gespräch außerdem, warum die Berichterstattung über Apple für Journalisten eine Gratwanderung war, ist und bleibt.

 


DELPHI-ERGEBNISSE RUNTERLADEN!

Recherchescout: Es gab Zeiten, da hatte der Spiegel Apple auf dem Titelbild und Journalisten haben das Unternehmen mit einer Relevanz behandelt, als ob Apple nicht nur das wichtigste Unternehmen auf der Welt ist – sondern die wichtigste Sache überhaupt. Das aktuelle Media-Delphi zeigt, dass 2016 nur noch 30 Prozent der Journalisten Apple in den Schlagzeilen sehen. 2015 waren es noch 50 Prozent. Was ist da los?

Ich glaube nicht, dass das Interesse an Apple nachlässt; Apple ist immer noch der wertvollste Konzern der Welt und das Maß aller Dinge im Tech-Sektor. Aber: Apple wird immer berechenbarer und vorhersehbarer; von bahnbrechenden Innovationen ganz zu schweigen. Nehmen wir die März-Keynote: Es war Vorweg bis in alle Einzelheiten klar, was Tim Cook präsentieren würde.

Recherchescout: Sie sehen also kein nachlassendes Medieninteresse?

Apple besitzt weiterhin als iPhone-Company universelle Anziehungskraft. Nur: Ein iPhone besitzt heute wirklich fast jeder – und die evolutionären Verbesserungen werden von Generation zu Generation kleiner. Der Thrill der Steve Jobs-Jahre ist weg – nicht zuletzt, weil die Produktneuheiten der Tim Cook-Ära wie die Apple Watch oder das iPad Pro einfach nicht im bekannten Maße begeistern. Es sind Me-too-Produkte. Ich glaube nach wie vor, dass Apple ein großes Medieninteresse auslöst – nicht zuletzt aufgrund der sehr loyalen Fans, die eine kritische Berichterstattung sofort reflexartig torpedieren, wie man immer wieder beobachten kann. Apple polarisiert enorm und löst sofort Fanboy-Kriege aus.

Recherchescout: Tritt ein, was viele Experten schon länger prognostizieren? Sie haben bereits 2013 ein Buch zum Aufstieg und Fall des Imperiums verfasst?

Ja, es ist meine These, dass Apple seinen Zenit erreicht und das Wachstum ausgereizt hat. Das war schon während der Niederschrift des ersten Teils meines Buches „Das Apple Imperium“ 2013 so: Apples Gewinne brachen zweistellig ein, weil Tim Cook mit dem nur 4 Zoll großen iPhone 5 den Phablet-Trend verpasst hatte – die Aktie halbierte sich in der Spitze fast. Die anschließende Comebackrally 2014 maskierte das Ende des Wachstums durch den letzten großen Upgrade-Zyklus in Form des iPhone 6 und 6 Plus noch einmal. Wir erleben 2016 nun aber eine Wiederholung von 2013 – nur in beschleunigter Form. Die Gewinne und diesmal auch Umsätze dürften im laufenden Quartal deutlich nachgeben, weil erstmals seit Einführung des iPhones 2007 die Absätze von Apples Kultsmartphone zurückgehen. Vor dem iPhone 7-Launch, der zum neuerlichen Homerun werden muss, ist Tim Cook wieder einmal zum Erfolg verdammt. Ich bezweifle allerdings, dass Apple den Absatzerfolg des iPhone 6 mit dem iPhone 7 in Form zweistelliger Zuwächse wiederholen kann.

Recherchescout: Klingt als ob da gehörig der Wurm drin ist.

Gleichzeitig ist wichtig zu betonen, dass Apples Stagnation natürlich auf einem hohen Niveau erfolgt. Das Unternehmen ist kerngesund und dürfte auf Jahrzehnte eine herausragende Stellung in der Techbranche einnehmen; ich erwartete im nächsten Jahrzehnt allerdings eine Wachablösung durch Google und Facebook.  Die goldenen Jahre der Steve Jobs-Ära sehe ich hinter Apple; nichts ist bekanntlich für die Ewigkeit. Über diese neuen Herausforderungen schreibe ich in meinem neuen Buch „Das Apple-Imperium 2.0“, das im April erscheint.

Recherchescout: Wo liegt für Apple die mediale Herausforderung? Einfach nur weniger in den Medien präsent zu sein, wäre ja wahrscheinlich nicht so schlimm. Über Porsche wird auch nicht ständig geschrieben und die Marke steht gut da. Ist es bei Apple aber nicht so, dass die nachlassende mediale Präsenz von Kunden mit nachlassender Bedeutung assoziiert wird?

Das wäre so, aber ich sehe das Problem nicht. Jeder Tech-Journalist leckt sich die Finger nach neuen iPhone-Leaks und Zitaten von Tim Cook, Jony Ive & Co. Das wird sich nicht so schnell ändern.

Recherchescout: Waren Journalisten in den vergangenen zehn Jahren naiv beziehungsweise haben Medienmacher einen Fehler gemacht, sich überhaupt von Apple derart instrumentalisieren zu lassen?

Die Versuchung ist fraglos vorhanden, zumal Apple-Produkte bei fast allen Journalisten, die über den Kultkonzern aus Cupertino schreiben, ja sehr beliebt sind. Es ist ja nicht so, als wäre es eine Pflichtveranstaltung, über Apple zu schreiben, so wie man vielleicht über die Steuerpläne der Großen Koalition oder über einen Energiekonzern berichtet. Wer über Apple berichtet, dürfte in den meisten Fällen auch eine Affinität zu den Produkten besitzen. Insofern besteht da immer unbewusst die Gefahr einer Komplizenschaft. Gleichzeitig ist Apple ein Meister darin, sich zum vermeintlichen Freund der Journalisten zu machen. Nicht jeder Journalist ist allerdings dazu in der Lage (oder willens) zu verstehen, dass es sich dabei um eine falsche Freundschaft handelt. Journalisten werden mit gezielten Informationen gefüttert, mit Testgeräten als Dauerleihgaben versorgt, zur Keynote in der ersten Klasse nach San Francisco eingeflogen und drum herum mit einem bunten, exklusiven Rahmenprogramm versorgt – Richard Gutjahr hat eindringlich beschrieben,  wie geschickt Apple Journalisten in seinen Bann zieht und gleichzeitig mit der Abhängigkeit von Redaktionen spielt.

Recherchescout: In welchem Moment wurden Sie zum Apple-Jünger?

Zum Jünger nie, aber zum Fan. Bereits während meiner Uni-Zeit in den 90ern. Meine erste Begegnung mit einem Macintosh-Computer hatte ich 1995 im muffigen CIP-Pool der Uni Hamburg. Ich studierte Germanistik und musste in einem Linguistik-Seminar einen Teil einer Gemeinschaftshausarbeit abgeben, die von der Arbeitsgruppe der Einfachheit halber auf diesen grauen Rechnern verfasst wurde, die niemand außerhalb der Uni benutzte – es sei denn, man war ein Grafiker, Werber oder schlicht in den 80er-Jahren hängen geblieben. Ein Macintosh-Computer war das, ein Performa, selbst nach damaligem Maßstab eine klobige graue Kiste, die langsamer war als mein 486er zu Hause. Und doch besaß der Mac einen gewissen Charme: Ein Würfel lächelte mich an, als ich das Betriebssystem MacOS 7.5. hochfuhr. Auf dem Schreibtisch fand ich klickbare Ordner und eine voluminösere Schriftart vor, die mich an Bubblegum-Sprechblasen erinnerte. Es sind manchmal die kleinen Dinge, die in Erinnerung bleiben.

Der Mac ist für mich immer noch das wichtigste Apple-Gerät, das iPhone die größte unternehmerische Leistung. Kein technisches Gerät hat mein Leben mehr bereichert als das 2007 eingeführte iPhone – der Unterschied vom Klapphandy Razr von Motorola, das ich vorher benutzte, zum iPhone, das mir plötzlich praktisch meinen Mac in die Westentasche brachte, war enorm. Man muss in den Nullerjahren bereits jahrelanger Handy-Nutzer gewesen sein, um den Quantensprung zu würdigen. Mit dem iPad und der Apple Watch kann ich dagegen viel weniger anfangen.

Recherchescout: Und wann merkten Sie, dass der Glaube an die Apfelreligion nicht bis zum Lebensende reichen wird?

Ein Glaube an die Apfelreligion verbietet sich für jeden ernst zu nehmenden Journalisten per se, aber es stimmt natürlich, dass man sich in der Steve Jobs-Ära leichter vom Fanboytum mitreißen ließ. Gerade die Lebensleistung der letzten Jahre von Jobs haben mich tief berührt, seit 2008 wusste ja jeder, der hinsehen wollte, dass seine Zeit gezählt ist.

Die letzte Keynote 2010/2011, der letzte Auftritt vor dem Stadtrat in Cupertino im Juni 2011, als Jobs, bereits bis auf die Knochen abgemagert und nach Luft japsend, noch einmal seine Lebensgeschichte resümiert und erzählt, wie er als 12-Jähriger beim HP-Gründer Bill Hewlett nach Ersatzteilen für einen Frequenzzähler fragte und am Ende einen Sommerjob bekam – das sind nostalgische Augenblicke, die für immer mit der Ära Apples bis 2011 verbunden bleiben.

Mit Tim Cook änderte sich dann vieles. Es war eine schleichende Desillusionierung, vor allem ausgelöst durch meine Arbeit am Buch 2012/2013. Cool fehlt das Charisma von Jobs, er ist kein Verkäufer, er ist nicht der Lage, Apples Narrative wie die Gründer der großen Internet-Firmen zu erzählen – wie Mark Zuckerberg, Larry Page, Jeff Bezos.

Recherchescout: Also sehen Sie eher ein Problem beim Apple-Chef?

Cook ist sehr gute Nummer zwei, aber für mich die falsche Mann, um den Umbruch bei Apple einzuleiten, der in den kommenden Jahren nötig wird, wenn das iPhone endgültig ausgereizt ist und so ziemlich alle Konzernsparten schrumpfen (die iPad- und Mac-Sparte ebenfalls), während neue Produkte wie die Apple Watch nicht ihren hohen Erwartungen  gerecht werden.

Apples Produkte sind auch berechenbarer geworden – und am Ende für mich enttäuschender. Ist es ein Zufall, dass mir immer mehr kaputtgingen? Mein iPhone 4s wurde nach wenigen Monaten überladen und war defekt. Das iPad 1 war nach längerer Zeit ohne Nutzung entladen und auch defekt. Beim iPhone 5 überraschte mich eine schwächere Akkuleistung als beim iPhone 4s. Ein gerade 2,5 Jahre alter iMac gab plötzlich mit Hardware-Defekt auf. Mein iPhone 6 Plus fiel mir genau einmal auf den Bürgersteig, als ich stolperte – Zack, kaputtes Display. Das war natürlich mein Fehler, den ich nicht Apple anlasten kann, und doch frage ich mich, wieso es Apple nach fast einer Dekade nicht geschafft hat, bei einem 1.000 Euro teuren Gerät ein halbwegs bruchsicheres Display zu verbauen? Dann die Software. Immer wieder sind Emails verschwunden oder erreichten nie den Empfänger. iCloud-Synchronisationen haben auf dem iPhone meine Fotos vervielfacht und meinen Speicher verstopft. Aus 30.000 Fotos wurden plötzlich 120.000. Die neue Foto-App aus dem Mac ist furchtbar unübersichtlich – genau wie Apple Music.

Recherchescout: Verliert Apple Sie als Kunden?

Für einen Konzern, der sich immer wieder damit rühmt, die besten Produkte der Welt anzubieten, geht da aus meiner Sicht eindeutig zu viel schief. Apple hat nachgelassen. Für mich relativ klar identifizierbar in der Amtszeit unter Tim Cook. Gleichzeitig hat mich die Konkurrenz aber auch noch nicht als Kunden gewonnen. Android gefällt mir nicht besser, und auf Windows steige ich sicher nach 20 Jahren nicht mehr um. Insofern bleibt es eine Qual der Wahl. Beim iPhone 7 bin ich nun aber tatsächlich gespannt. Samsungs S7 edge gefällt mir so gut, dass ich einen Switch erwägen würde – wenn da nicht die Sache mit der Synchronisation der ganzen Daten aus der Cloud wäre…

* Nils Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und Tech-Reporter. Der gebürtige Hamburger beschäftigt sich seit rund 20 Jahren mit Apple und hat bereits zwei Bücher über den Kultkonzern aus Cupertino geschrieben: „Das Apple Imperium“ erschien Ende 2013, „Das Apple-Imperium 2.0: Die neuen Herausforderungen des wertvollsten Konzerns der Welt“  folgt im April im Springer Gabler Verlag.   

Kommentieren Sie den Artikel

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.