Zwischen Pokémon Go und Twitter: Grundsatzfragen im Nachrichtengeschäft

Soziale Medien, Ortungsmöglichkeiten und mobiles Internet eröffnen völlig neue Chancen im Nachrichtengeschäft – werfen aber auch Grundsatzfragen auf. Recherchescout-Mitgründer Kai Oppel über Möglichkeiten und Grenzen.

Ob Pokémon GO im Allgemeinen oder das neue Geolocation-Plugin Bloom für Verlage im Speziellen: Tracking und Co. eröffnen nicht nur völlig neue Ansätze für Journalismus und PR. Sie zeigen auch, dass bei der Informationsrezeption ein Paradigmenwechsel stattfindet. Der bewusste Umgang des Journalisten und Bloggers Richard Gutjahr, der sein Videomaterial über den Anschlag aus Nizza nicht privat und in Echtzeit hochgeladen hat, sondern eine professionellen Redaktion übergeben hat, ist nicht immer die Regel. Eine Herausforderung für Journalisten und die Produzenten von Inhalten in der PR-Branche.

Seit der Entwicklung unserer Internetgesellschaft und dem Katalysator Social Media geht es schon lange nicht mehr nur darum, dass sich der Kommunikationsfluss von „one-to-many“ hin zu „many-to-many“ dialogisiert und beschleunigt. Geotracking und dialogische Echtzeitkommunikation via Twitter, Periscope & Co. ergänzen das Informationsgeschäft um eine weitere Dimension; und zwar um eine Psychologische. Die Möglichkeit jedes Einzelnen, auf seinen Ort und seine Persönlichkeit zugeschnittene Nachrichten und Informationen zu erhalten, verändert seinen Standpunkt und seine Rolle im Nachrichtengeschäft. Der Konsument wird zum betroffenen Individuum. Mehr noch: Er wird zum Teil des Nachrichtengeschäfts. Er verschmilzt mit dem Nachrichtzusammenhang.

Eine bisher vor allem im Marketing bekannte Größe betritt die Bühne des Journalismus in völlig neuer Stärke: das Involvement. Wenn Echtzeitdrang, Tracking, Personalisierung sowie die Nachrichtenerzeugung und -verbreitung durch den einzelnen Konsumenten weiter zunehmen, wird die Berichterstattung zum High-Involvement-Erlebnis. Ob angesichts der Informationsqualität (Dokumentation, Wahrheitsgehalt etc.) von einem High-Involvement-Journalismus gesprochen werden kann, bleibt abzuwarten.

Wie kommt es dazu? In Zeiten vor den sozialen Medien war es mit der Betroffenheit des Lesers bei Informationen so eine Sache, wie bereits Neil Postman in „Wir amüsieren uns zu Tode“ gezeigt hat. Salopp gesagt werde die Nachricht erst durch die Nachricht zu einer solchen; sie erhalte die bedeutungsschwangere Tragweite erst durch die Nachrichtenweihe. Die Information vom umfallenden Sack Reis in China etwa, an sich völlig irrelevant für die meisten Menschen, die weder einen Bezug zum Land noch zur Sprache haben, erscheint durch die bloße Veröffentlichung im Licht der Wichtigkeit. Daran hat sich zwischen Neil Postmans Veröffentlichung und sagen wir dem Jahr 2010 nicht viel geändert. Nachrichten wurden produziert und Nachrichten wurden konsumiert – unabhängig davon, wie wichtig sie für den Einzelnen tatsächlich waren.

Elemente wie Echtzeit, Individualisierung oder eben fortlaufend neu erzeugte ortsabhängige Nachrichten (die Lokalzeitung greift das Prinzip ja bereits eine Weile auf) ändern dieses Funktionsmodell grundlegend. Wer die jüngsten Ereignisse in Nizza oder München auf Plattformen wie Twitter verfolgt hat, konnte die Transformation zum High-Involvement-Erlebnis live miterleben. Durch die Möglichkeit, selbst zu streamen und zu kommunizieren, wurde jeder Twitternutzer zum unmittelbaren Teil des Geschehens. Ja weiter noch: Die fortlaufend wiederholten Hinweise der Münchner Polizei, keine Videos oder Bilder hochzuladen, weil diese dem Täter dienen können, zeigen das tatsächliche Ausmaß der Verstrickung. Der Nachrichtennutzer und Erzeuger von heute hat als Pixel des Geschehens theoretisch und praktisch die Möglichkeit, zum Akteur zu werden – und das Geschehen zu beeinflussen.

Journalisten bietet dieses Umfeld die Chance, ihre professionelle Rolle bei aller Betroffenheit auszuloten: Die Fakten zu prüfen, bevor sie diese verbreiten und die persönliche Betroffenheit hinter die sachliche Dokumentation zu stellen. Es scheint mehr denn je einen Bedarf für einen integren Journalismus zu geben, der Dinge mit Abstand und Sachverstand bewertet. Eine informative Instanz, die Nachrichtenrelevanz eben nicht allein durch Involvement definiert, sondern auf Basis von Hintergrundwissen und professioneller Einordnung.

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