„Deutsche Verlage gewähren Google für einen Spottpreis Einfluss auf den Journalismus der Zukunft.“

Gespräch mit dem Journalisten Marvin Oppong über Transparenz in Wirtschaft, Politik und Medien, über die Zukunft des Journalismus und über seine Erfahrungen mit Recherchescout.

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Es gibt einen Roten Faden in Ihrer journalistischen Tätigkeit – das ist das Thema Transparenz. Mal geht es um das Verhältnis zwischen Verlagen und Lobbyverbänden, mal um Bundestagsabgeordnete oder Moderatoren öffentlich-rechtlicher Sender und ihre Nebentätigkeiten. Warum interessiert Sie das Thema so?

Das ist gar keine Leidenschaft von mir, ich finde das einfach wichtig. Das Transparenzthema setzt sich ja bei der Betrachtung einer demokratischen Gesellschaft und ihrer Medienlandschaft von selbst auf die Agenda. Transparenz ist demokratieerhaltend. Deshalb müssen zumindest die öffentlichen Institutionen transparent sein. Transparenz ist in den meisten Fälle positiv: Sie verhindert Korruption, Filz und Vetternwirtschaft. Sie beugt der Verschwendung öffentlicher Mittel vor und fördert Wettbewerb. Dabei gehöre ich gar nicht zu denen, die Transparenz um jeden Preis verlangen oder versuchen herzustellen, so wie es Wikileaks verfolgt. Ich würde weder verlangen noch selbst betreiben, alles zu veröffentlichen, was ich in die Hand bekomme, weil ich meine, es müsste alles öffentlich sein. Das muss es nicht. Es gibt private und sicherlich auch wirtschaftliche Informationen, die schützenswert sind; dafür gelten mit vollem Recht das Urheberrecht oder die Persönlichkeitsrechte. Wenn es allerdings um öffentliche Institutionen geht oder um solche, die Öffentlichkeit vermitteln – wie Verlage – dann ist Transparenz sehr wichtig.

Gibt es nach Ihrer Beobachtung Bereiche, in denen sich in den vergangenen Jahren beim Thema Transparenz etwas zum Positiven entwickelt hat?

In der Politik hat man mit dem Open-Data-Portal Govdata.de schon einen Anfang gemacht. Da ist bislang noch nicht sehr viel veröffentlicht, aber das wird sich garantiert in die richtige Richtung bewegen. Ein anderes Beispiel ist das Journalistennetzwerk Torial, für dessen Blog ich auch schreibe. Da können die Mitglieder öffentlich angeben, für wen sie tätig und wo sie Mitglied sind. Ein Gegenbeispiel sind in Deutschland leider die Verlage. Ich finde es interessant, dass gerade im Medienbereich die Transparenz manchmal zu wünschen übrig lässt, obwohl ja die Medien selbst bei anderen Akteuren oft vehement Transparenz einfordern. Bei den Verlagen selbst aber wird wenig veröffentlicht – dabei gibt es Bereiche, in denen gäbe es klare Transparenzerfordernisse.

Verlage sind Wirtschaftsunternehmen. Damit unterliegen sie den gleichen Transparenzbedingungen wie jedes andere Unternehmen.

Im Pflichtbereich mag das gelten, und für die wichtigsten Kennzahlen. Aber wenn jemand Geld mit Meinungsbildung verdient, muss man vielleicht andere Maßstäbe anlegen als bei einem Stahlhersteller. Man könnte zum Beispiel darüber nachdenken, dass Wirtschaftsjournalisten offenlegen, welche Aktienpakete sie halten, weil ihre Berichterstattung Einfluss auf die Kursentwicklung haben kann. Es ist jedenfalls zu beobachten, dass viele Branchen im freiwilligen Bereich – seien es Nachhaltigkeits- oder Governance-Codices – viel konsequenter sind als die Medienbranche.

Woran machen Sie das fest?

Ein Beispiel in meinem Arbeitspapier für die Otto-Brenner-Stiftung ist der Springer-Verlag und seine gemeinsamen Veranstaltungen mit Lobby-Organisationen. Da wollte der Verlag mir nicht vollständig Auskunft darüber geben, welche Veranstaltungen es mit einem Lobbyverband gab. Und für ein Medienhaus, das mit eigenem Investigativ-Ressort Missstände aufdeckt und Intransparenzen aufklärt, ist es eine bemerkenswerte Handlungsweise, nicht offenzulegen, wo es mit Lobbyorganisationen kooperiert.

Bei einem anderen Thema ist der Axel-Springer-Verlag sehr klar: Als einziger Großverlag nimmt er kein Geld von Google im Rahmen der Digital News Initiative, mit der Google weltweit 150 Millionen EUR in journalistische Projekte von Verlagen stecken will. In Deutschland sind schon Projekte für 27 Millionen vereinbart worden.

Von dieser Google-Initiative halte ich gar nichts – aus verschiedenen Gründen. Erstens als Autor: Google hat bei Google Books abertausende Bücher eingescannt und einfach ins Netz gestellt, ohne wirklich dafür zu zahlen. Nach jahrelanger kostenloser Nutzung kommen sie jetzt gönnerhaft um die Ecke, bieten den deutschen Verlagen ein paar Millionen und erkaufen sich mit dieser vergleichsweise geringen Summe tiefe Einblicke in die Laboratorien, in denen am Journalismus der Zukunft gearbeitet wird. Und das ist mein zweiter Ablehnungsgrund: Für diesen Know-how-Transfer lassen sich die deutschen Verlage nur einen Spottpreis zahlen und machen Google die Tür auf zur direkten Einflussnahme auf den Journalismus der Zukunft. Und die Verlage handeln im Gegenzug nicht mal einen wirklichen Fortschritt beim Leistungsschutzrecht und beim Urheberrecht heraus – das ist insgesamt viel zu billig für Google.

Dann lassen Sie uns doch mal darüber sprechen, wo für Sie die Zukunft des Journalismus gemacht wird: Welche journalistischen Projekte finden Sie besonders interessant?

Mich persönlich interessiert alles, was mit crowdfinanzierten oder anderen alternativ finanzierten journalistischen Projekten zu tun hat. Ich kann mir vorstellen, dass diese Art, Journalismus zu finanzieren, eine große Zukunft haben kann, auch wenn sie zur Zeit gerade ein bisschen durchhängt. Aber dass den journalistischen Medien die alte Erlösstruktur aus Werbung und Vertriebseinnahmen wegbricht, ist ja oft beschrieben und beklagt. Ich glaube fest daran, dass in einer Zeit, in der die Leute auf der Suche nach persönlichen, auf sie zugeschnittenen Informationsangeboten sind, auch die Bereitschaft besteht, genau dafür zu zahlen.

Mit den Krautreportern versucht ja das Vorzeigeprojekt gerade Alternativen zur klassischen Crowdfinanzierung hinzubekommen – unter großen Schwierigkeiten…

Ich weiß nicht, ob man das Crowd-Konzept schon abschreiben darf. In den Niederlanden gibt es das sehr spannende und sehr erfolgreiche Projekt „De Correspondent“ mit derzeit 40.000 zahlenden Community-Mitgliedern. Und auch der Weg der Krautreporter, der jetzt in Richtung Genossenschaft geht, hat ja mit der taz ein erfolgreiches Vorbild. Wie die Lösung letztlich ganz genau aussieht, finde ich nicht wichtig – aber es geht um alternative Finanzierungsmodelle für unabhängigen Journalismus in Zeiten, in denen das den Verlagen nicht gut

Was lesen Sie selbst regelmäßig?

Regelmäßig den Spiegel, ansonsten lese ich viel im Netz.

Dort dann eher die digitalen Angebote der klassischen Medienmarken oder viel Social Media?

Sowohl als auch. Im Netz gab es lange die Facebook-/Twitter-Presseschau auf sueddeutsche.de, die wurde aber leider eingestellt. Ich nutze gern newstral, weil ich dort einen guten Überblick über viele Medien bekomme. Dann turi2, Altpapier, jonet, auch FeFes Blog. Und ich nutze Tame als Twitter-Tool, das die Timeline etwas übersichtlicher macht und zeigt, welche Tweets hohe Reichweiten hatten und zumindest in dieser Hinsicht relevant sind.

Klingt alles sehr digital. Nehmen Sie noch Papier in die Hand?

Kaum, auch wenn ich viel für Zeitungsredaktionen arbeite. Aber für die digitalen Ausgaben spricht vieles: Kosten, Praktikabilität, Schnelligkeit… Digital habe ich alle Medien immer dabei. Print braucht Papierproduktion und Transport – da verbessere ich mit der digitalen Mediennutzung doch schon meinen ökologischen Fußabdruck.

Sie haben vor ein paar Wochen zum ersten Mal unsere Plattform ausprobiert. Zu welchem Thema haben Sie recherchiert und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ich habe für ein Finanzmagazin recherchiert und dazu eine Anfrage beim Recherchescout gestellt. Meine Erwartung war, dass ich ein paar Informationen und Hinweise zum Weiterrecherchieren bekomme.

Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Meine Erwartungen wurden erfüllt. Ich habe etwa 10 Gesprächsangebote bekommen, von denen zwei oder drei nicht wirklich gepasst haben. Aber der Rest war schon relevant. Fast alle Angebote kamen von PR-Agenturen, nicht direkt von den Unternehmen. Es waren wirklich hilfreiche Informationen dabei. Einen Vertreter einer IT-Sicherheitsfirma habe ich dann nach einem längeren Recherchegespräch auch im Beitrag zitiert.

Marvin Oppong

Marvin Oppong ist Journalist und Dozent. Er schreibt unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Spiegel Online, den Tagesspiegel und die Süddeutsche Zeitung.
Link zur Website: www.oppong.eu

2 Gedanken zu „„Deutsche Verlage gewähren Google für einen Spottpreis Einfluss auf den Journalismus der Zukunft.“

  1. Ulla Smielowski, Hannover

    Finde ich alles interessant was Sie da schreiben… Allerdings bin ich Autorin, deshalb Leserin von Artikeln… In der letzten Zit ist mir ein wenig die Lust auf Zeitungen vergangen…

    Antworten

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