Johanna Mitscherlich

Ein Blick in unsere Expertenliste: Johanna Mitscherlich von CARE

Auf unserer Plattform finden sich über 1.000 Experten, die durch ihren persönlichen Hintergrund und ihre berufliche Erfahrung besondere Aspekte eines Themas beleuchten können. In den letzten Wochen haben Journalisten mehrmals angeregt, Experten vorzustellen – ein Wunsch, dem wir sehr gerne nachkommen. Wir beginnen mit Johanna Mitscherlich von CARE, die uns von ihrer Arbeit erzählt. Sie ist eine spannende Gesprächspartnerin zu Themen wie Flucht, Vertreibung, Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit.

Stellen Sie bitte kurz Ihren Arbeitgeber und sich selbst vor.

CARE ist eine internationale Hilfsorganisation, die in rund 90 Ländern gegen Not und Armut aktiv ist. Ich arbeite seit knapp sieben Jahren für CARE. Unter anderem habe ich in dieser Zeit die Medienarbeit im Nahen Osten für die Syrienkrise von Jordanien und vom Libanon aus koordiniert, war nach dem Erdbeben in Nepal Teil des Nothilfeteams und in Krisengebieten wie Somalia oder Nordirak im Einsatz. Im Moment leite ich die Pressestelle von CARE in Bonn.

Was ist die besondere Expertise von CARE? Worauf ist sie begründet?

CARE hilft überall dort, wo Menschen aufgrund von Krieg und Krisen alles verloren haben. Wir leisten akute Überlebens- und Flüchtlingshilfe, etwa mit Unterkünften, Nahrung, Wasser, Hilfsgütern oder psychosozialer Unterstützung. Nach der ersten Nothilfe fördern wir den Wiederaufbau. CARE hilft langfristig und mit System. Dabei arbeiten wir eng mit lokalen Partnern zusammen, berücksichtigen gesellschaftliche Unterschiede. Wir lernen immer wieder auch selbst neu dazu. Katastrophenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit sind ein kontinuierlicher, gegenseitiger Austausch von Wissen, Methoden und Erfahrungen. Bei all dem, was CARE tut, steht die Förderung von Mädchen und Frauen im Mittelpunkt. Aus 70 Jahren Erfahrung wissen wir, dass die Gleichberechtigung von Frauen und Männern die wichtigste Grundlage für Entwicklung ist. Wenn Frauen etwa ein eigenes Einkommen verdienen, investieren sie  es in ihre Familie. Gleichzeitig sind Frauen und Mädchen von Kriegs- und Krisensituationen besonders betroffen. Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt werden etwa bis heute als Kriegswaffe eingesetzt. Bei der aktuellen Dürre und Hungerkrise in Ostafrika hören wir immer wieder von Müttern, dass sie als letzte essen, damit ihre Kinder nicht verhungern. Sie laufen täglich zig Kilometer, um Nahrungsmittel und Wasser für ihre Familien zu holen.

CARE setzt sich seit 70 Jahren für die Linderung von Not und Armut ein. Wie hat sich die Arbeit von CARE in diesen Jahren gewandelt? Was hat sich speziell in Ihrer Arbeit in den letzten Jahren verändert?

Die erste Mission von CARE war, Not in Europa zu lindern, als nach dem Zweiten Weltkrieg Hunger, Kälte und Verzweiflung herrschten. Damals wurde eine beispiellose Hilfsaktion gestartet. 100 Millionen CARE-Pakete wurden von Amerika nach Europa geschickt, davon fast 10 Millionen CARE-Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung oder Werkzeugen alleine nach Deutschland. Heute hat sich die Mission unserer Arbeit ausgeweitet. Mittlerweile arbeiten wir in etwa 90 Ländern, in unzähligen Kriegen und Krisen. Aus der privaten Hilfe für Europa wuchs CARE zu einer der weltweit größten unabhängigen Hilfsorganisationen heran. Das CARE-Paket hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt und steht heute für effiziente, innovative und partnerschaftliche Hilfe. Wir verschicken heute keine Pakete mehr, sondern arbeiten in rund 90 Ländern mit vorwiegend einheimischen Mitarbeitern und Partnern, Hilfsgüter kaufen wir wenn möglich lokal ein. Not- und Übergangshilfe bleiben unser Schwerpunkt und wir setzen uns langfristig dafür ein, dass Armut überwunden wird. In unseren CARE-Paketen sind heute nicht mehr Peanutbutter und Schmalz, sondern Programme, die Ernährung und Landwirtschaft fördern, mit Bildung für ein eigenes Einkommen und mit Gesundheitsvorsorge. Für die Kommunikationsarbeit einer Hilfsorganisation wie CARE ist es immer wichtiger, globale Zusammenhänge zu erklären, Aufmerksamkeit für zahlreiche Krisen zu schaffen und sicherstellen, dass Menschen in Bürgerkriegsländern wie dem Jemen oder Hungerkrisen wie in Somalia nicht vergessen werden. Mehr als je zuvor haben etwa durch Handys die Menschen, für und mit denen wir arbeiten auch die Möglichkeit, selbst ihre Geschichten zu erzählen. Ich erinnere mich an Flüchtlinge,Was es heißt, wenn es seit Jahren nicht regnet und die Felder vertrocknen; was Mütter tun, wenn ihre Kinder vor lauter Hunger in der Schule umkippen – wir haben hier zum Beispiel in Mosambik Frauen ihren Alltag während der Dürre mit Kameras dokumentieren lassen. Die betroffenen Menschen können ihre Geschichte selbst am besten erzählen.

Welche Themen werden für CARE in den kommenden Jahren besonders wichtig werden?

Der Klimawandel und seine Folgen beschäftigen uns bereits seit Jahren, werden es aber definitiv weiterhin tun. In vielen Ländern dieser Welt ist er bereits traurige Realität für die Menschen. In vielen afrikanischen Ländern werden die Tierherden jedes Jahr kleiner, anhaltende und häufig immer stärker werdende Dürren rauben den Viehzüchtern ihre Existenz. Im südafrikanischen Andenhochland wiederum bedrohen schmelzende Gletscher und Hitzeperioden die Lebensgrundlage der Bauern. Wir unterstützen Bauern etwa mit Schulungen und alternativen Einkommensalternativen, Frühwarnsystemen, Mangrovenpflanzung in Küstennähe, um vor Fluten und Erosion zu schützen. Anpassung und die Stärkung der Menschen für wiederkehrende Katastrophen ist sehr wichtig. Gleichzeitig machen wir aber auch politischen Druck, etwa bei den UN-Klimaverhandlungen. Wir fordern von den Industrie- und Schwellenländern mehr Führungsstärke und konkrete Maßnahmen für eine gerechte Klimapolitik.

Auch die Situation von Flüchtlingen und Migranten weltweit wird uns weiterhin sehr beschäftigen. Mehr als 65 Millionen Menschen fliehen weltweit vor Hunger, Krieg und Gewalt, aber auch vor den Folgen des Klimawandels. Wir setzen uns dafür ein, Fluchtursachen zu bekämpfen und Menschen auf ihrer Flucht ein sicheres Dach über dem Kopf zu geben.

Welche drei Fragen wollten Sie schon immer gestellt bekommen?

In den letzten Jahren wurden mir so viele Fragen gestellt, dass ich glaube, kaum etwas ausgelassen wurde. Worauf ich immer besonders gerne antworte: Warum ist es wichtig, dass auch ungebunden – also nicht nur für ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Krise – gespendet wird? Warum ist die Verteilung von Bargeld so effizient? Warum sind die lokalen Kräften und Freiwilligen die wichtigsten Helfer?

Welche Fragen können Sie nicht mehr hören?

Ich finde es vor allem schwierig, wenn nicht gefragt wird. Ich habe in den letzten Jahren sehr häufig mit ganz unterschiedlichen Menschen über die Arbeit von CARE gesprochen und über die Situation in den Ländern, in denen wir arbeiten.  Häufig sind das Medienvertreter und Menschen, die sich für die Arbeit von CARE und den Kampf für globale Gerechtigkeit und für Menschen in Not ohnehin interessieren. Manchmal steht man aber auch auf einer Bühne, in einer kleineren deutschen Stadt und spricht etwa über die Situation von syrischen Flüchtlingen im Libanon, Jordanien oder dem Irak. Da passiert es immer mal wieder, dass danach jemand auf einen zukommt, und mehr wissen möchte. Ich erinnere mich vor allem auch an eine ältere Frau, die offen sagte, dass sie nicht genau wüsste, warum so viele syrische Flüchtlinge zu uns kommen, und was sie davon halten soll, und dass sie nicht wusste, dass der Großteil an Flüchtlingen in Nachbarländern Syriens seit Jahren ausharren. Ich habe lange mit ihr gesprochen und es stellte sich irgendwann heraus, dass sie sogar selbst früher als Kind Flüchtling war und CARE-Pakete erhalten hatte. Es gab mehr Gemeinsamkeiten, als sie dachte. Ich finde es wichtig, dass wir offen über Ängste und Vorurteile sprechen, dass wir im Dialog bleiben. Die ältere Dame zum Beispiel schrieb mir Monate später, dass sie einen syrischen Flüchtling in ihrem Dorf eingeladen hat, mit ihr Weihnachten zu feiern.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

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